Pilotenklasse 2005 - Sprache: DE | FR | IT

Von der RS bis zum TAFLIR Of

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Die RS

Taflir1 Es war im Juni 2005 als ich zusammen mit vielen anderen frisch gebackenen AdA's meinen Militärdienst in Dübendorf bei den FULW'is (Führungsunterstützung der Luftwaffe, kurz gesprochen Fulfis) begann. Das einzige bekannte Gesicht war für mich Alain Fleury, mit dem ich bis dahin fast alle meine fliegerischen Erfahrungen gesammelt hatte. Sonst kannte ich niemanden. Wir wurden in der TRK (Theodor Real Kaserne) empfangen und alle in die MZH (Mehrzweckhalle) geschleust. Dort gab es die erste Einführung mit dem Einheitskommandanten Stv, Hptm Pfister. Wir konnten so ganz langsam erfühlen, was uns bevorstand. Die folgenden Tage waren geprägt von Zugseinteilung, Material und Kleider fassen, und natürlich mit auswendig Lernen der verschiedenen militärischen Grade. Das Erste mal einen Tarnanzug anzuziehen war schon irgendwie ein tolles Gefühl. Der erste Ausgang in der schönen Ausgangsuniform ebenfalls. Die Kompanie war in vier Züge mit je ca. 30 Rekruten eingeteilt. Schon am Anfang bemerkten wir, dass alle Pilotenanwärter in den Zug 3 eingeteilt wurden. Von dieser Sorte waren wir insgesamt sechs. Da bei uns bereits zu diesem Zeitpunkt klar war, dass wir alle einmal die Offiziersschule in Angriff nehmen mussten, gaben wir uns bei allen Aufgaben auch dementsprechend Mühe. Dies hatte zur Folge, dass der Zug 3 halt immer der Beste war. Es lebe Zug 3! ? Diese erste Phase dauerte sieben Wochen. In dieser Zeit wurden wir vermeintlichen Of-Aspiranten bereits durch die Kaderschule auf unsere Fähigkeiten geprüft. Dies beinhaltete einen unangekündigten 20km Nachtmarsch, welcher in dieser Nacht nicht wie sonst gewohnt durch eine Führungsperson geleitet wurde, sondern jetzt mussten wir selber diese Aufgabe übernehmen. Wir wurden in zwei Gruppen eingeteilt, welche je einen Kompass und eine Karte ausgehändigt bekam. Für diese Übung wurde je ein Gruppenchef bestimmt, und dann ging's los. Als wir ziemlich müde und kaputt wieder zurückkamen, mussten wir bis zum Morgenessen alle bisherigen Theorie-Wochentests noch einmal schreiben. Es war eine erste Erfahrung mit psychischem und körperlichem Stress. Sonst waren diese sieben Wochen geprägt von Sturmgewehrdrill, ABC Abwehr, Sanitätsdienst usw. Das Highlight war immer, wenn eine F/A-18 aus einer Übung zurück kam und auf dem 100m entfernten Flugplatz landete. Die Pistenachse liegt exakt über der TRK, was zur Folge hatte, das die Jets mit etwa 30m Höhe über unsere Köpfe flogen. Wow! Ansonsten hatten wir aber nichts mit dem Flugplatz und den Jets zu tun.

Die Kaderausbildung

Taflir2 Wir erhielten einen neuen Marschbefehl, und rückten in der achten Woche nicht mehr in die TRK, sondern ins KAZ (Kaderausbildungszentrum) ein. Dieses liegt gleich auf der anderen Strassenseite der TRK. Wir waren nun gut ca. 30 Leute, welche die Kaderausbildung in Angriff nahmen, einige nicht ganz so freiwillig wie andere. In der Anw S (Anwärterschule) wurde noch nicht zwischen Offizier- und Unteroffiziersanwärter unterschieden. In den ersten zwei Wochen kamen wir das Erste mal weg von Dübendorf. Es ging in das schöne Glarnerland, um dort noch einmal auf Herz und Nieren unserer Motivation geprüft zu werden. Es war vom Gefühl her eine der lehrreichsten Zeiten. Wir genossen zum Ersten mal den schon lange vorher angepriesenen FUM Unterricht (Führungsausbildung der unteren Milizkader). Die Theorieausbildung zielte auf den Gruppenführer. So lernten wir, wie sich eine Gruppe aufbaut, welche grundsätzlichen Typen von Menschen es gibt, wie man mit diesen umgehen muss usw. Spannend war, dass auch wir eine neue, bunt gemischte Gruppe waren. Somit konnten wir das gelernte eins zu eins bei uns selbst beobachten. Wir "genossen" das erste richtige Biwak und leiteten das erste mal selber ein Stgw-Schiessen. Das schönste Highlight war die Abschlussübung. Wir konnten die Packung für einen Marsch mit anschliessendem Biwak selber bestimmen. Der Klassenlehrer ging sogar soweit, dass wir das Gewehr und die Grundtrageinheit zu Hause lassen konnten. Stattdessen wurden wir mit Nordic-Walking Stöcken ausgerüstet. Es war traumhaftes Wetter, die Sicht unglaublich gut. Einen so schönen Sonnenuntergang in der freien Natur, wie wir ihn hier in den Glarner Alpen erleben durften, hatte ich vorher noch nie geniessen können. Vielen ging es gleich wie mir. Die restlichen acht Wochen wurden wieder in Dübendorf, jetzt in Of- und Uof-Klasse aufgeteilt, verbracht. Bis dahin war auch Entschieden, wer in welche Fachausbildung geschickt wird. Das spezielle bei der FULW ist, dass jeder der drei RS Starts für sich noch einmal drei verschiedene Fachausbildungen zu bieten hat. Vom Richtstrahlübermittler über den Werksspezialisten bis hin zum Wettersoldat hat die FULW alles zu bieten. Ich wurde meinem Wunsch entsprechend zusammen mit Adrian Guerrazzi beim TAFLIR eingeteilt. Das TAFLIR (taktisches Fliegerradar) ist ein mobiles Radar, das mit 8 Lastwagen verschoben und fast überall in der Schweiz aufgestellt werden kann. Es dient dazu, die Luftlage in den unteren Luftschichten zu erfassen, diese Daten per Richtstrahlübermittlung ins Luftwaffennetz einzuspeisen, um somit die Gesamtluftlage zu komplettieren. Am Anfang waren wir sechs Of-Anwärter, die zu Adj Uof Roth in die Fachausbildung geschickt wurden. Wir erlernten die Funktionsweise, den Aufbau, den Betrieb, einfach das ganze drum und dran kennen. Diese Zeit war geprägt durch Abwechslung. Wir hatten TD, der so genannte technische Dienst, wo wir in der Fachausbildung beschäftigt waren. Dann war wieder eine Woche AGA, allg. Grundausbildung auf dem Programm, wo wir mit dem Stgw schossen, FUM Unterricht hatten, Übungen mit Märschen bestritten usw. Die Zeit verging wie im Flug, und wir wurden bereits zum Obergefreiten befördert.

Nach den erholsamen Weihnachtsferien gingen wir zuerst vier Wochen mit all den anderen Of-Aspiranten in den zentralen Offizierslehrgang. Dort wurde die ganze taktische Ausbildung in Angriff genommen, wir genossen viele spannende Vorträge mit hochrangigen Militärs, und mussten Entschluss um Entschluss fassen. Wir waren alle Chefs einer virtuellen Füsilierkompanie, mit Panzerfäusten, Minenwerfern, und Schützenpanzern. Für uns Luftwäffeler war dies zum Teil nicht einfach, da wir z.B. eine Panzerfaust noch nie aus der Nähe gesehen hatten. Man jonglierte generalstabsmässig mit Truppen auf der Karte, formulierte Absichten um heikle Objekte zu schützen, Sektoren zu beobachten, und dennoch wusste man (oder zumindest ich) eigentlich nicht so ganz genau, was man tat. Das Paradebeispiel zu diesem Thema war, als ein Klassenkammerad von mir bei seiner Absicht den Gegner mit den 6cm Werfern vernichten wollte. Der Klassenlehrer schaute ein wenig komisch drein, und erklärte uns, dass wir den Gegner nun mit Beleuchtungsmunition angegriffen hätten. Der Schluss dieser vier Wochen war die Beförderung zum Oberwachtmeister, was bereits dem Zugführer Stellvertreter entspricht.

Taflir3 Nach erneutem Erhalt eines neuen Marschbefehls, rückten wir nun endgültig mit dem Titel Aspirant in Dübendorf in die Offiziersschule ein. Zusammen mit unseren Unteroffizieren machten wir nun gemeinsam Fachausbildung. Unser Blickwinkel änderte sich langsam vom technischen Aufbau des TAFLIR's hin zum erfolgreichen Planen einer Verschiebung des gesamten Systems, der Planung für den Aufbau und Zeitplan für den erfolgreichen und nachhaltigen Betrieb. Und sogleich hatten wir auch endlich die Gelegenheit, zu prüfen, ob unsere Planung aufging: Wir machten die Übung Gubel. Diese beinhaltete die Verschiebung des Systems in die alte Bloodhoundstellung Gubel bei Zug, einer ehemaligen Luftabwehrstellung, und den dortigen Aufbau und Betrieb während einer ganzen Woche. Nachdem zwei Of-Anwärter ihren Dienst unterbrochen hatten, waren wir noch je vier Of- und Uof-Anwärter. Einen 24h Betrieb nur zu acht zu organisieren, war nicht ganz einfach. Aber Schlafen würden wir sowieso nicht viel, das war schon von Beginn weg klar. Vom Wetter her waren wir zuversichtlich, da der Frühling über Ostern bereits wirkte. Es war schön und warm. Aber dann spielte der April uns einen Streich: am Morgen des ersten Tages begann es wieder zu schneien. Es sollte nicht aufhören, bis wir diese Woche auch überstanden hatten. Es war dauernd alles nass, man hatte kalt, musste das System dauernd vom Schnee befreien, konnte nicht schlafen. Es war ein richtiger Alptraum. Aber spannend zu sehen war, wer nun unter diesen schlimmen Bedingungen noch funktionierte, und wer langsam den Geist aufgab. Da wir bis anhin nur in Dübendorf übten, konnten wir den Radar nie einschalten, da dieser die umliegenden Häuser in Dübendorf verstrahlt hätte. Aber nun war es auf dem Gubel soweit: Wir konnten den richtigen "ON" Knopf zum ersten Mal drücken, um jetzt endlich einmal richtige Flugzeuge zu detektieren. Der Moment, als die ersten Flugzeuge auf unsrem Radarschirm auftauchten, und wir wussten, dass alles korrekt funktionierte, entschädigte für vieles. Zurück in Dübendorf ging es noch weiter mit FUM und AGA. Endlich konnten wir in die lang ersehnte Schiessverlegung, wo eine ganze Woche auf dem Schiessplatz im Cholloch beim Säntis Gefechtsschiessen auf dem Programm stand. Dies war sehr lehrreich, und, zugegeben, auf jeden Fall sehr spassig. Wir schossen zum ersten Mal mit Leuchtspurmunition, und auch die SIM-Ausrüstung wurde jetzt ausprobiert. In der zweitletzten Woche ging es auf die DHU, die Durchhalteübung. Diese wurde bei uns nicht wie üblich mit einem 100km, sondern für mich unverständlicherweise nur mit einem 80km Marsch abgeschlossen. Der Unterschied ist nicht unheimlich gross, jedoch kann man nicht behaupten, man habe einmal 100km marschiert. Unser Wetterglück in der gesamten Ausbildung rächte sich erneut: Es regnete die ganze (verfluchte) Woche. Alles, aber auch alles war nass, es war kalt, sogar wieder Schneefall, und das Ende Mai. Wir liefen, bewachten einen Tag lang ein Haus, infiltrierten in vom Gegner besetztem Gebiet, machten eine SIM-Übung, beobachteten die ganze Nacht eine fast verlassene Passstrasse, flogen zehn Minuten mit dem Superpuma, und liefen am Schluss die 80km nach Hause. Es war eine der härtesten und schlimmsten, aber zugleich spannendsten und lehrreichsten Wochen die ich je erlebt habe. Man muss schon einmal erlebt haben, wie man beim Zuhören einer Theorie im Stehen einschläft. Ein sehr komisches Gefühl...

Abgeschlossen wurde diese Phase mit dem Event, den wir alle schon lange sehnlichst erwartet hatten: Die Brevetierung zum Leutnant stand an. Endlich... Wir 14 FULW 34 Aspiranten wurden zusammen mit unseren Gruppenführern im Fliegermuseum in Dübendorf zu Leutnants, resp. Wachtmeistern befördert. Es war ein ganz spezielles Ambiente. Mitten in der ausgestellten Geschichte der Luftwaffe wurden wir ins Korps der Offiziere aufgenommen. Ein feierlicher Moment. Der anschliessende Of-Ball fand im Hotel Jungfrau Viktoria in Interlaken statt. Wir waren alle sichtlich stolz, unsere Ausgangsuniform mit dem neuen Gradabzeichen präsentieren zu können. Und auch der Anblick der entzückend herausgeputzten Begleitungen war bezaubernd. Nach dem gelungenen Abend mit dem feinen Essen genossen wir den darauf folgenden Tag im Wellness-Bereich des Hotels.

Die (PA-)VBA

Taflir4 Nun war es Zeit, unseren Grad auch gleich abzuverdienen. In der Verbandsausbildung (VBA) ginge es eigentlich darum, das gelernte umzusetzen, zu Führen und Erfahrungen zu sammeln. Diese Schulbuchversion einer VBA erlebten wir jedoch nicht. Die Kompanie bestand aus 14 Offizieren, die jedoch nur ca 60 Soldaten zu führen hatten. Im EKF Zug kamen auf 14 Soldaten gleich fünf Leutnants. Um diesem Offiziersüberschuss entgegen zu wirken, beschloss der Kommandant VBA, dass die Pilotenanwärter keine Führungsaufgaben übernehmen dürfen, damit die anderen Offiziere, welche keine potenziellen Abgänger an der LVb Flieger 31 darstellten, mehr Führungserfahrung sammeln konnten. Ich wurde zusammen mit Adrian Guerrazzi dem Fachausbilder TAFLIR unterstellt, Godot Gröner wurde Kompaniekommandant Stv, und Alain Fleury hatte als einziger das Vergnügen, den Kommandozug zu führen. Dieser war jedoch kein Führen im eigentlichen Sinne, denn im Kdo Zug werden alle speziellen Funktionen wie Truppenköche, Büroordonanzen, Betriebssoldaten usw., untergebracht. Diese Leute stehen fast die ganze Zeit in ihrem Fach im Dienst, sind also kaum als Zug je zusammen. Somit war die VBA beim TAFLIR für uns zwei TAFLIR-Of's nicht so lehrreich, wie wir erhofft hatten. Wir konnten eine Übung mit dem Zug durchführen, was noch spannend zu organisieren war. Wir machten einen simulierten C Angriff auf das Radar, mit anschliessender Evakuation, und noch ein kleiner Gefechtsmarsch. Den Leuten hat es (zu unserem Erstaunen) im grossen und ganzen gefallen. Und uns machte es natürlich auch viel Spass. Wir erstellten eine Ausbildungsdokumentation über das TAFLIR zu Handen unseres Fachausbilders und konnten während der Zeit unser Fachwissen über das Radar selbst noch etwas vertiefen. Alles in allem war es auch eine gute, wenn auch etwas tatenlose Zeit.

Uns allen hat die Zeit in Dübi sehr gefallen, und sie wird uns sicher gut in Erinnerung bleiben. Besonders stolz sind wir natürlich darüber, dass wir die ersten vier Piloten mit FULW 34 Wurzeln sein dürfen. Wir stellen sogar mengenmässig die meisten Piloten aus unserem PK. Chapeau!

Bericht verfasst von Mario Thöni